Besinnung — Kontemplative Landschaft im Stil der Romantik
Inspiration

Besinnung

Ein Gedicht von Hermann Hesse (1933)

Warum dieses Gedicht?

Hermann Hesse (1877–1962), Nobelpreisträger für Literatur 1946, war zeitlebens ein Suchender zwischen Ost und West. Tief beeinflusst von indischer Philosophie und buddhistischer Weisheit — sein Roman „Siddhartha" wurde weltweit zum Klassiker — schrieb er Werke, die das Ringen des Menschen zwischen Materie und Geist, zwischen Leid und Liebe durchleuchten.

„Besinnung" entstand 1933, als in Europa die Dunkelheit aufzog. In einer Zeit, die zunehmend von Hass und Spaltung geprägt war, setzte Hesse ein mutiges Zeichen: Nicht Richten und Hass, sondern geduldige Liebe — liebendes Dulden — führe den Menschen seinem Ziel näher.

Diese Botschaft ist das Fundament von My Social Way. Die vier Brahmaviharas — Mettā, Karuṇā, Muditā und Upekkhā — finden sich in Hesses Versen wie in einem Spiegel wieder: die Erkenntnis des Leids, die Fähigkeit zur höchsten Liebe, die Absage an Urteil und Hass, und die geduldige, liebende Zuwendung zu allen „irrenden Brüdern".

Das Gedicht

Göttlich ist und ewig der Geist.
Ihm entgegen, dessen wir Bild und Werkzeug sind,
Führt unser Weg; unsre innerste Sehnsucht ist:
Werden wie er, leuchten in seinem Licht!
Aber irden und sterblich sind wir geschaffen,
Träge lastet auf uns Kreaturen die Schwere.
Hold zwar und mütterlich warm umhegt uns Natur,
Säugt uns Erde, bettet uns Wiege und Grab;
Doch befriedet Natur uns nicht,
Ihren Mutterzauber durchstösst
Des unsterblichen Geistes Funke
Väterlich, macht zum Manne das Kind.
Löscht die Unschuld und weckt uns zu Kampf und Gewissen.
So zwischen Mutter und Vater,
So zwischen Leib und Geist
Zögert der Schöpfung gebrechlichstes Kind.
Zitternde Seele Mensch, des Leidens fähig
Wie kein anderes Wesen, und fähig des Höchsten:
Gläubiger, hoffender Liebe.
Schwer ist sein Weg, Sünde und Tod seine Speise,
Oft verirrt er ins Finstre, oft wär ihm
Besser, niemals erschaffen zu sein.
Ewig aber strahlt über ihm seine Sehnsucht,
Seine Bestimmung: das Licht, der Geist.
Und wir fühlen: ihn, den Gefährdeten,
Liebt der Ewige mit besonderer Liebe.
Darum ist uns irrenden Brüdern
Liebe möglich noch in der Entzweiung,
Und nicht Richten und Haß,
Sondern geduldige Liebe,
Liebendes Dulden führt
Uns dem heiligen Ziele näher.

Hermann Hesse, 1933

Besinnung und unsere Grundprinzipien

Hesses Verse im Spiegel der Brahmaviharas

Jede Strophe berührt einen der vier Grundpfeiler unserer Gemeinschaft — als hätte Hesse die Brahmaviharas in Verse gegossen.

Mettā

Liebende Güte

„Geduldige Liebe, liebendes Dulden führt uns dem heiligen Ziele näher.“

Hesses „geduldige Liebe“ ist das Wesen von Mettā — bedingungsloses Wohlwollen, das nicht richtet, sondern geduldig und liebevoll allen Wesen begegnet.

Karuṇā

Mitgefühl

„Zitternde Seele Mensch, des Leidens fähig wie kein anderes Wesen.“

Das Gedicht erkennt die tiefe Verletzlichkeit des Menschen an — genau dieses Erkennen des Leidens ist der Kern von Karuṇā, dem aktiven Mitgefühl.

Muditā

Mitfreude

„Und fähig des Höchsten: gläubiger, hoffender Liebe.“

Trotz aller Schwere feiert Hesse die Fähigkeit des Menschen zum Höchsten — zu hoffender, gläubiger Liebe. Diese Freude am Guten in uns ist Muditā.

Upekkhā

Gleichmut

„Nicht Richten und Haß, sondern geduldige Liebe.“

Hesses Absage an Richten und Hass ist ein Ruf nach Upekkhā — dem inneren Gleichgewicht, das weder verurteilt noch sich von Hass leiten lässt.

„Darum ist uns irrenden Brüdern
Liebe möglich noch in der Entzweiung,
Und nicht Richten und Haß,
Sondern geduldige Liebe,
Liebendes Dulden führt
Uns dem heiligen Ziele näher."

Hermann Hesse — „Besinnung" (1933)

Entdecke unsere Grundprinzipien

Hesses Worte sind wie ein Kompass — sie weisen in dieselbe Richtung wie die vier ethischen Prinzipien, auf denen unsere Gemeinschaft aufgebaut ist.